Martin Buber für den Hausgebrauch
Die Jugend ist die ewige Glückschance der Menschheit, die ihr stets von neuem dargebotene und von ihr stets von neuem vertane Glückschance.
Immer wieder tritt ein zwanzigjähriges Geschlecht auf den Plan, mit einer glühenden Sehnsucht nach dem Unbedingten, mit einer rückhaltlosen Hingabe an das Ideal, willig die verrammelten Pforten des Paradieses zu sprengen.
Aber während es sich bereitet, ergreift das Getriebe der von der Gesellschaft dargebotenen kleinen Zwecke, ergreifen die Dämonen der eitlen Eigensucht, vornehmlich der Dämon der Mehr-gelten-wollens Besitz von diesen jungen Seelen.
[aus: Buber, Martin (1918): Zion und die Jugend,in: Buber, Martin (1963): Der Jude und sein Judentum, S.700-710 ]
Die Jugend pflegt die Vorurteile als etwas den Alten Eiegntümliches zu behandeln, wogegen sie selbst vermeint, unbefangen, unbeschwert von Vorurteilen zu sein. Aber so verhält es sich nicht.
Vorurteile sind Urteile, die man bildet, ehe man die Erfahrung gemacht hat, auf der allein das Urteil gründen könnte. Man sollte also fast annehmen, die Alten könnten keine Vorurteile haben, da sie doch genügend Erfahrung besitzen.
Aber es ist leider so, dass die von den Menschen auf Grund der Erfahrung ihres Lebens gebildeten Urteile sich zumeist verkrusten und den Menschen hindern, neue aufrüttelnde Erfahrungen zu machen und daraus neue rechtschaffene Urteile zu schöpfen.
Vorurteile sind nicht schlechthin von Übel. es gibt welche, die den Menschen stark machen und zugleich aufgeschlossen lassen, so dass er zwar weiß, wie er zur Welt steht, aber nicht von ihr abgeriegelt ist.
Es gibt aber auch Vorurteile, die den Menschen von der Welt absperren: Da adrf nichts mehr herein, dieser Mensch ist schon ‘besetzt’.
[aus: Buber, Martin (1937): Die Vorurteile der Jugend ,in: Buber, Martin (1963): Der Jude und sein Judentum, S.711-722]